Geistliches Wort

 

 

„Das geht runter wie Öl“, sagen wir, wenn wir ein Lob bekommen, von dem wir vielleicht selbst ein wenig überrascht sind. Genau wie das Öl stand der Honig im alten Israel für das Angenehme und Wohltuende. Honig wurde als Süßungsmittel verwendet, alternativ nahmen man eingedickten Saft aus Datteln. Das Bild vom Honig verdeutlich, dass gute Worte nicht bloß im Kopf ankommen, sondern dem ganzen Körper guttun, genauso wie böse Worte tatsächlich Schmerz verursachen, so als bekäme man einen „Schlag in die Magengrube“.

Doch mit den „süßen“ Worten ist das so eine Sache. Auch davon zeugen Redensarten. Wer dem anderen „Honig um den Bart schmiert“, hegt undurchsichtige Absichten. Worte können süß und angenehm sein, aber im Nachhinein „bitter aufstoßen“, wenn sich herausstellt, dass man enttäuscht wurde (siehe Sprüche 5,3-6). Das Süße ist also nicht immer gleich gut, es braucht Kriterien, um gute von schlechter Süße unterscheiden zu können.

Den passenden Maßstab finden die biblischen Schreiber in der göttlichen, und daher vollkommenen Tora. Ihre Worte sind sogar noch süßer als Honig (Psalm 19,11), praktisch sind sie der Inbegriff von Süße. Wer die Tora studiert, lernt also auf angenehme Weise das Gute. Bibellesen finden wir allerdings teilweise sehr mühsam und anstrengend. Vieles – in den Gesetzen oder prophetischen Schriften des Alten Testaments – rutscht uns nicht so „glatt“ die Kehle herunter. Doch sollten wir nicht zu schnell aufgeben, denn der Geschmack kommt bekanntlich beim Essen. Der Prophet Ezechiel wird von einer göttlichen Gestalt aufgefordert, eine Schriftrolle zu essen, die lauter Anklagen an das Haus Israel enthält (Ezechiel 2,9-3,1). Doch während des Essens werden dem Propheten die bitter erscheinenden Worte im Mund „süß wie Honig“ (3,2-3).

Bibellesen kann also das Leben verändern. Es zeigt, dass es darauf ankommt, zu unterscheiden, wann man wem etwas Bestimmtes sagt und wie. Sei es ein Lob, oder auch mal eine Rückmeldung, die dem anderen im ersten Moment nicht „schmeckt“, sich aber dann doch positiv auf die Beziehung auswirkt, weil sie ehrlich war. Dem anderen etwas zumuten, aber so, dass er oder sie es für sich annehmen kann – das ist zwar eine Kunst, darauf liegt aber auch eine Verheißung. 

 

 

Prof. Dr. Dirk Sager